Schon lustig, so eine Assoziationskette. Bei einer Portion Chili con Carne denke ich an die beinahe gleichnamige Nummer von den Coolen Säuen: "Chili Con Caane" erschien 1994 auf dem Sampler "Schützt Die Rille". Das war ein ziemlich lobenswertes Projekt, das in die damals recht breite Save-the-Vinyl-Kerbe schlug, und auf verhältnismäßig gut abgehangenen Funkgrooves (produziert von
Peerbee) berichteten die Coolen Säue von einer bizarren Festveranstaltung zur Schließung eines großen Vinylpresswerks und den möglichen Folgen, im Refrain schimpft ein gescratchter Toni L, Vinyl werde abgeschafft, den DJs werde der "Plattenkontakt" genommen. Auf der Veranstaltung gab es Chili satt für alle, daher der Titel. "Moderne DJs, arme."
PlattenkontaktFoto: Thorsten TheesHeute, 14 Jahre später. Vinyl ist nicht ausgestorben, im Gegenteil: Es ist ein beliebtes Sammlerobjekt, viele Neuerscheinungen aller Genres, auch und gerade außerhalb der Clubkultur, gibt es auch als Schallplatte und für viele ist Vinyl inzwischen wieder ein schickes Lifestyleaccessoire. Auf dem Flohmarkt am alten Schlachthof diggen hippe Mädelsgruppen ramschige Terence Trent D'Arby-LPs, bei Saturn gibt es 15 verschiedene Plattenspieler von 50 bis 1500 Euro zur Auswahl und sogar der Media Markt im Einkaufszentrum Nedderfeld hat wieder eine Vinyl-Abteilung. Aber ausgerechnet der moderne DJ, der vermeintliche Don Quijote der Vinylkultur, eröffnet sich völlig neue Möglichkeiten der Performance, für die die gekaufte Schallplatte keine Rolle mehr spielt.
Nicht, dass wir uns da falsch verstehen: Auch ich bin seit mittlerweile über einem Jahr digital unterwegs, benutze für fast alle Gigs Serato Scratch Live, nur mit ein paar zusätzlichen echten Platten im Gepäck. So schont man den Rücken und kann noch dazu, wenn man will, tolle Sachen machen, wenn man sich ein wenig mit den Features befasst. Man kann es sich aber auch erbärmlich einfach machen, und manchmal schämt man sich dafür, wie DJs die neuen Möglichkeiten nutzen: Toll, endlich keine Platten mehr kaufen zu müssen! Entspannt kann man all die lieblos zusammengeklaubten, gezogenen und mit Homies geteilten 128kbps-MP3s spielen, anstatt weiterhin Geld für Musik auszugeben. Darum geht es hier aber gar nicht. Soll doch jeder glücklich werden, der nicht versteht, wie heuchlerisch er damit seinem eigenen Handwerk schadet.
Viel verwirrender ist für mich die Tatsache, dass sich alle Standards, die man als DJ so kannte, rasend schnell verabschieden. Ich habe Mitte der Neunziger damit angefangen, und nie gab es ernsthafte Alternativen zu zwei Technics-Plattenspielern und einem Mixer als Setup. Das dürfte nun vorbei sein. Und es ist kaum abzusehen, wohin wir uns entwickeln, klar ist nur, dass wir uns heute wohl in der provisorischsten aller denkbaren Phasen befinden. Man muss sich das mal klar machen. Wenn ich auflege, spielen die Plattenspieler nur noch einen Timecode von Vinyl ab, ein Steuersignal. Ein Technics 1200 ist also nichts weiter als ein 500 Euro teures Bedienteil für meine Software, das sagt: Schneller, langsamer, vorwärts, rückwärts. Ein Haptik-Dummy, eine Krücke für den DJ, der das Handling nicht missen will, mit dem er aufgewachsen ist und das deswegen für ihn das selbstverständlichste ist.
MSTRKRFT starren auf einen Bildschirm.
Foto: Ceasar SebastianDaneben ein Computer, der für sich betrachtet schon ein völlig archaisches Bedienkonzept verfolgt, was der Technikwelt derzeit immer bewusster wird: Man drückt auf willkürlich mit Buchstaben beschriftete Knöpfe, um Text zu schreiben, schiebt mit einem Finger auf einer Fläche am Gehäuse einen kleinen Pfeil über den Bildschirm, um dann etwas per Knopfdruck zu markieren, einen vorher von Vinyl digitalisierten Track zum Beispiel, den man über eine Tastenkombination auf ein virtuelles Deck legt. Wie früher eine Platte auf die Slipmat, nur völlig anders. Ist das nicht, ehrlich, in jeder Hinsicht das unintuitivste Bedienkonzept, das man sich vorstellen kann? Der Standard gewordene Workaround.
Und auch wenn ich selbst kaum in absehbarer Zeit diesen Standard hinter mir lassen werde, stehen uns da ein paar aufregende Jahre für die DJ-Zunft bevor. Aktuelle und kommende Generationen an Softwarelösungen, Hardwarecontrollern und neuen Bedienkonzepten für Rechentechnik dürften uns jetzt erstmal für eine ganze Weile ohne diesen allgegenwärtigen Technikstandard experimentieren lassen, bis am Ende vielleicht die ultimative DJ-Workstation steht, die Alt und Neu verbindet.
Welche Rolle spielt die nächste Generation von DJs, die ohne die Notwendigkeit aufwächst, sich auf zwei Plattenspieler und einen Mixer zu beschränken? Welche Ideen entstehen daraus? Gute Frage. Keine Ahnung. Ausgerechnet der DJ, jahrelang im Epizentrum des Vinylaktivismus, muss ab heute zeigen, wie ernst es ihm mit der Schallplatte wirklich ist – jetzt, wo sich zum ersten Mal in weit über 30 Jahren DJ-Geschichte eine komplette Trennung vom ursprünglichen analogen Medium abzeichnet. Im besten Fall ist das aber nicht, wie oft geunkt wird, das endgültige Aus der Vinylkultur, sondern vielmehr der Start in eine völlig neue Etappe der DJ-Kultur, in der sich nur die Rolle des Mediums Schallplatte radikal verändert. Das könnte noch spannend werden.