Sonntag, 30. November 2008

Knight Rider vs. Godzilla - das Musical, oder: Kanye im Wunderland

Erlebnisbericht für Hamburgfunk über Kanye West und seine "Glow in the Dark"-Show. Das hier geschah am Freitag nach einem schmackhaften Büffet, zu dem ein rot leuchtender Mobilfunkkonzern geladen hatte.

Die Welt ist am Arsch. Nichts geht mehr. Und nur einer kann noch helfen: Kanye West. Doch dummerweise geht das gerade nicht, weil er irgendwo im Weltall unterwegs war (wieso eigentlich?) und auf dem Weg zur Erde auf einem unbekannten Planeten verunfallt ist. Da sitzt er nun also fest, mit einem überlebensgroßen Raumschiff-Cockpit im Bühnenbild, das ein bisschen nach K.I.T.T. aussieht, und mit einem Bordcomputer namens Jane, der nicht besonders viel auf die Reihe kriegt, außer regelmäßig zu versichern, wie wichtig es doch ist, die Welt zu retten ("You're the brightest star in the universe, Mr. West!"). Das ist also die Ausgangssituation für "Glow in the Dark" – so weit, so egozentrisch.

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In der Color Line Arena breitet sich im Halbdunkel eine triste Mondlandschaft als Bühnenbild aus, der unrasierte Raumfahrer namens Mr. West eröffnet mit ein paar inbrünstig vorgetragenen Songs zwischen Melancholie und Hoffnung, während der monströse Bildschirm, der den kompletten Bühnenhintergrund einnimmt, latent kitschige Planetenanimationen im Windows-Bildschirmschoner-Look zum besten gibt. "Through the Wire" ("Remember, Mr. West, this is not your first crash") wird so etwas wie ein erster Höhepunkt, in dem Kanye gleich die zweite Strophe versemmelt, sich aber recht souverän freestylend bis zum Chorus rettet. Erst bei "Get 'em High", nach gut 25 Minuten, fährt eine hydraulische Bühne die bislang nicht existente Band so weit nach oben, dass man von ihrer Anwesenheit erfährt: Das Zentrum bilden vier heftig ackernde Percussionisten, flankiert von etwas Gesang, Tasten und Gitarre, durchgehend mit Weltraumhelmen maskiert und konsequent namenlos. Ganz links außen erahnt man sogar DJ Craze. Aber es geht ja auch um Kanyeezy, das darf man nicht vergessen. Eine Minute später ist die Band vorerst wieder unten und verbringt den Rest der Show wie im Aufzug.

Nach zwei Anläufen zu "Diamonds" sitzen die Texte wieder, es setzt hin und wieder etwas Feuerwerk und mehr bunte Bilder im Hintergrund, bis Kanye plötzlich heldenhaft einen überdimensionalen Weltraumwurm bekämpfen muss. Ab diesem Zeitpunkt verfestigt sich mein Eindruck, dass hier die Augsburger Puppenkiste ihre Bühnenbilder im Spiel haben muss. Alles wäre gerne krass, futuristisch und beeindruckend, aber sobald es mal etwas heller wird, bleibt der Beigeschmack von Pappmaché. Letztlich kann uns das aber auch egal sein: Rund 6000 Fans in der Arena sind doch eher der gültige Maßstab, und die zeigen sich bestens unterhalten und feiern einen sichtlich auftauenden Kanye, der rührend versucht, den roten Faden seines Egomusicals zu verfolgen: "Jane, you can't do anything. I'm lonely … I just need some pussy." – "Oh, maybe I can help you with that." – Auf dem Bildschirm räkelt sich plötzlich eine pixelige Bikinischönheit aus Gold und alle singen "Gold Digger" auf einem fremden Planeten. Dramaturgie rules okay.

Bis irgendwann vor lauter Auftauen die Kernschmelze einsetzt: Irgendwann, kurz nach dem gewaltigen "Stronger", verlässt Mr. West den gesicherten Wanderpfad des Drehbuchs und setzt zu einem nicht enden wollenden Monolog Hayes'schen Ausmaßes an, spricht über die Wichtigkeit künstlerischer Selbstverwirklichung, darüber, wie sehr es ihn verletzt, ständig für seine neuen Autotune-Spielereien angefeindet zu werden, über ignorante Hamburger Radiointerviewer ("I heard your new album today – do you regret what you did?") und darüber, dass seine Vision wichtiger ist als HipHop und Rap und überhaupt alles. Er verfällt ins Singen, predigt von Change und von Liebe und von Kanye West, verschwindet irgendwann, nach sieben, acht, neun Minuten Monolog von der Bühne und hinterlässt eine Mischung aus hingebungsvollen Jüngern und offenen Mündern. Vorhang.

Und er kommt wieder. Nicht nur für die erwartete Zugabe (in Oberhausen war "Love Lockdown" das einzige Stück vom neuen Album), sondern zunächst mit weiteren Nummern, auf die weder die Band noch die Visuals wirklich vorbereitet sind. Alles wird bis zum Zerreißen in die Länge gezogen, Rap ist egal, Kanye singt jetzt fast nur noch, ob Texte, Monologe oder wirr improvisierte Parts voller Pathos, die auch seine Band unter den Helmen nur noch fassungslos zu beobachten scheint. Nicht nur die versammelte Journaille tauscht in ihrem Block entsetzte Blicke aus, ein paar Mitarbeiter der Plattenfirma gehen schon mal rauchen und ich schwanke zwischen Lachkrämpfen und sprachlosem Starren – so offenkundig einen Fick zu geben und seinen Film zu fahren, ist irgendwie bewundernswert und beängstigend zugleich. "Love Lockdown" mutiert zum abschließenden Zehnminüter, bei dem sich Kanye selbst an die Drums begibt, wenn er gerade nicht singt, und offenkundig keine große Lust hat, diese Show zu beenden. Aus geplanten 90 Minuten Konzert werden deutlich über zwei Stunden, und nach dem x-ten Chorus fällt doch der Vorhang, während der "brightest star in the universe" sich wieder in seine Umlaufbahn begibt. Gute Reise, Mr. West.

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Fotos: Vodafone Music Unlimited

Kommentare:

  1. haha. eine unglaubliche show...

    ich hab auch mal was schreiben müssen...

    http://www.flickr.com/photos/spanier/3070567543/

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  2. ... also nicht SO viel verpasst, meinst Du?!

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  3. @MC: Nicht im Sinne von "was für ein geiles Konzert". Eher wie ein bizarres Zugunglück.

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  4. @Spanier: Schön gesagt … wobei ich den Sound für Arena-Verhältnisse eigentlich noch ganz passabel fand.

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  5. Also doch eine Art "Michael Jackson"-Bühnenshow!!? ich erinnere mich wage an ein Konzert mit meinen Eltern Anfang der 90er ;-) Sah genauso aus..

    Wie hoch fliegt Mr. West eigentlich schon??? too high..

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  6. Die Oper konnte man sich geben!! Bekanntlich kommt ja Freitag Abends auch nichts gutes im Fernsehen!! Fand seinen Monolog nur komplett daneben!!

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  7. Warum wundert mich deine Schilderung nicht? Ich mag Ihn und seine selbstverliebte Attitüde einfach nicht(wie war das damals noch mit der MTV Music Award?)....der eitele Gockel. Was man Ihm ja lassen muß, ist das er mit seinem neuen Album "Mut" bewiesen hat......das heißt für mich aber nicht, das ich das sonderlich gut finde.

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