Sonntag, 17. Februar 2008

My Wax: The Daktaris - Soul Explosion

Funk, Soul, Afro Beat - and more! Das schreien einem die Sternchen auf der Cover dieser LP entgegen. Und zwar zu Recht.

Schuld daran, dass diese Platte mich schon so lange begleitet, ist Markus Hablizel, der damals wie ich in Konstanz studierte und irgendwann zum gemeinsamen Auflegen und Biertrinken im K9 dieses Schätzchen dabei hatte. 1999 dürfte das gewesen sein, ich bekam ein monströs schweres Stück Funk und die vielleicht fettesten Horns überhaupt zu hören und stand am nächsten Tag im Plattenladen, um meine eigene Copy zu bestellen.

Man war ja versucht zu glauben, hier hätte irgendjemand ein lange verschollenes Juwel aus Nigeria neu veröffentlicht. Aufgenommen wurde vorgeblich im Krafte Sound Studio, Lagos, die Musiker trugen klangvolle Namen wie Jo Jo Quo, Olu "Rocksteady" Owudemi oder Femi "Dokita" Doolittle und auf dem Cover, direkt neben dem Löwen, lauerte ein "Produced in Nigeria"-Schildchen. Aber überhaupt… dieses Cover… die ganzen Geier… nicht ein wenig seltsam? Die ausufernden Linernotes auch, denn sie beginnen damit, die Daktaris als well-dsiciplined army of two hundred African Bull Elephants marching relentlessly up your business to the beat from Funky Drummer zu beschreiben. Und warum, zum vorne abgebildeten Geier, heißt dieser eine Song Eltsuhg Ibal Lasiti? Wenn es es mal rückwärts liest, kommt man der Sache auf die Spur. It is all a big hustle.

Die Aufnahme war brandneu, alles wurde von ein paar jungen, vornehmlich weißen Musikern 1998 komplett auf analogem Equipment aufgenommen, und Gratulation, ich hatte somit meinen ersten Kontakt zu Desco Records. Die Daktaris waren ausnahmslos Mitglieder der Soul Providers und der Mighty Imperials, die auch für Unmengen an weiteren Vintage-Funk-Classics verantwortlich zeichnen, und die heute als The Dap-Kings und Antibalas um die Welt reisen. Da macht auch der Chorus "Modern Technology's no good at all" gleich viel mehr Sinn: Desco waren so vintage wie vor ihnen fast nur die Poets of Rhythm.

Produziert wurde die Session von keinem Geringeren als Gabriel Roth, auch bekannt als Bosco Mann, und dass aus Desco Records im Grunde genommen Daptone wurde, dürfte ja fast schon klar sein. History, Baby. Das war mein Auslöser, mich nicht nur mit der modernen, langsam aufblühenden Funkszene zu befassen (Retro ist ein ganz schlimmes Wort), sondern auch immer mehr mit Afrobeat.

Soul Explosion ist Fela Kuti, dem Godfather of Afro-Beat gewidmet, und Felas Upside Down ist zugleich das letzte Stück auf dem Album, das fast so etwas wie Easy Listening Afrobeat bietet - keine halbstündigen Exzess-Nummern, sondern knackige, nicht zuletzt DJ-freundliche Dreiminüter. Dazu gibt es noch ein JB-Cover, sechs Eigenkompositionen und das hier: Musicawa Silt.



Musicawa Silt, um das noch kurz auszuführen, (auch Musical Silt oder Muziqawi Silt) passt eigentlich gar nicht zum Nigeria-Thema der Platte, sondern ist eher so etwas wie ein äthiopischer Jazzstandard, falls es das gibt. 1974 erschien die Nummer, geschrieben von Hailu Mergia und gespielt von der Walias Band, auf dem Album Tche Belew, das nahzu unmöglich zu bekommen ist und auf dem offenbar auch Mulatu Astatke spielt. Das fragliche Stück, das im Original noch weit bedrohlicher und finsterer daher kommt, findet sich aber auf einigen Compilations und ist hier bei Dusty Nuggets zu hören. Hörenswerte Coverversionen gibt es außerdem noch von Antibalas, also fast von der gleichen Band, nur etwas später, vom Nostalgia 77 Octet und von zwei seltsamen Bands namens Secret Chiefs 3 und Estradasphere hier auf Youtube - sogar eine ziemlich schön fuzzige Version.

Soul Explosion von den Daktaris wurde von Daptone Records im letzten Jahr wiederveröffentlicht und ist seitdem dankenswerter Weise wieder recht gut zu bekommen. Go complete your Plattensammlung.

Kommentare:

  1. Oh yes, wenn es sich hier um die Fertigkeiten eines MCs und nicht um einen Tonträger handeln würde, könnte man sagen, dass der MC wohl der "kompletteste" seiner Zunft sei.

    Ich kann mich noch daran erinnern, zu welcher Entgleisung meine Gesichtszüge fähig waren, als Du mir das erste Mal die Daktaris vorgespielt hast.

    Dieses Vinyl hat auch mein Leben verändert und mir mehr als einen Hauch Engstirnigkeit genommen.

    Danke , nochmal.

    AntwortenLöschen
  2. Dann mal hier einen link für euch beide, (obwohl ihr den sicher schon kennt...?)

    http://voodoofunk.blogspot.com/

    Viele schöne hörvergnügliche Stunden, die man parallel mit anklicken und anschauen der tollsten cover verbringen kann :-)

    Gruß,
    Felix

    AntwortenLöschen
  3. @ kro: Yep, Voodoo Funk ist tatsächlich immer ne schöne Adresse. I Like.

    @ kleinski: Das war ja ein Volltreffer :)

    AntwortenLöschen
  4. @Felix, super, kannte ich noch nicht! liest sich sehr gut und werde ich mir heute abend mal geben...

    @Q, wie meinste das?

    AntwortenLöschen