Sonntag, 22. April 2007

FAZ featuring Puff Daddy

Eine Betrachtung des weltweiten HipHop-Geschehens ist ja immer wieder gut für etwas gepflegten Kulturpessimismus, auch und gerade bei der FAZ. Neulich gab es dort zum Beispiel diesen ziemlich guten und sinnigen Artikel über die "Pornofizierung des Pop". Nun hat man sich eines neuen Phänomens angenommen, besser gesagt der Theorie, dass a) HipHop langweilig wird und dass das b) daran liegt, dass sich alle ständig nur gegenseitig featuren - wie schreibt man das eigentlich korrekt? Das hier ist auf jeden Fall der Artikel von Kaline Thyroff.

Nun ist der Grundgedanke ja nicht schwer nachvollziehbar. Viele Major-Alben glänzen durch Mittelmäßigkeit und/oder durch austauschbare Protagonisten, durch die immer gleichen geshoppten Beats und durch Langeweile. Viele auch nicht. Aber
man sollte seine Beispiele mit Bedacht auswählen, um da einen Zusammenhang zu belegen, sonst schiesst man schnell ins Leere. Wenn nicht gar ins eigene Bein.

Das erste Beispiel, das angeführt wird, ist ein gewisser Herr Diddy. Dummerweise wird er im Artikel konsequent als "P. Diddy" bezeichnet, was schon seit einiger Zeit nicht mehr sein offizielles Pseudonym ist, das nur am Rande. Und, naja, seien wir mal ehrlich - mit der Tatsache, dass Combs Ghostwriter beschäftigt, kein Über-Rapper ist und eher mediokre Alben macht, kann man nicht mehr besonders gut provozieren.

Nur zwei von fünfzehn Songs des Albums kommen ohne das obligate „featuring“ und den Auftritt eines Gaststars aus.

Ob das Album allerdings ohne Gaststars besser oder innovativer wäre, bezweifle ich stark. Geht aber auch gleich weiter, nächster Fall: Timbaland.

Am Freitag erschien Timbalands neues Album „Shock Value“. Den besten Song, „Give It To Me“, hat er zusammen mit den Superstars Justin Timberlake und Nelly Furtado aufgenommen. Außerdem haben an dem Album mitgewirkt: 50 Cent, Dr. Dre, Missy Elliott, Elton John, Nicole Scherzinger, Keri Hilson und andere.

Mei, na und? Timbaland ist und war schon immer vorrangig Produzent, und noch dazu einer der wichtigsten und frischesten auf diesem Planeten, der ab und zu auch zum Spaß ans Mic steppt. Wenn ein Produzent ein "Solo"-Album veröffentlicht, sollte man besser damit rechnen, dass er Gäste hat, oder? Mieses Beispiel also.

Die Angst, dass sich Musik allein nicht mehr verkaufen lässt, teilen Puff Daddy und Timbaland mit vielen großen Hip-Hoppern.

Er heisst nicht mehr Puff Daddy, kruzifix. Und "die Angst, dass sich Musik allein nicht mehr verkaufen lässt"... ist das nicht vielleicht ein ganz kleines bisschen auch die Erkenntnis, wie Popmusik und das zugehörige Business funktioniert? Erwartet irgendjemand, dass Mr. Mosley erst noch ein Album mit Magoo macht und Timberlake/Furtado nach Hause schickt? Oder dass Diddy plötzlich keine Klamotten mehr herstellt? Oder dass Roland Emmerichs nächster Film mit einer Super-8-Kamera gefilmt wird und straight in die Arthouse-Kinos für Rollkragenpullovermenschen geht? Ich zumindest nicht. Pop ist Pop bleibt Pop. Und zumindest in Timbos Fall auch noch ziemlich guter Pop.

Denn eigentlich steckt der Hip-Hop in der Krise. Das äußert sich nicht nur in den fallenden Verkaufszahlen der Rap-Alben (...)

Ach ja? Wie wäre es mit ein paar Belegen, bevor man einfach so den Untergang der vorherrschenden Jugendkultur in den Raum stellt? Als nächstes ist auf jeden Fall Nas dran.

Vorsichtshalber hat er einige Strophen auf „HipHop is dead“ quotenstarken Kollegen wie Will I Am von den Black Eyed Peas oder dem sechsfachen Grammy-Gewinner Kanye West überlassen.

Sogar mit seinem ehemaligen Erzfeind und Kritik-Adressaten, dem Hip-Hop-Großunternehmer Jay-Z, hat er sich versöhnt, um die neu gewonnene Freundschaft im gemeinsamen Song „Black Republican“ zu verkünden. Namedropping statt Rapgeschichten: Die Hoffnung besteht darin, dass allein die Namen bekannter Hip-Hop- und R'n'B-Stars zum Plattenkauf reizen.

Ich kann mir nicht helfen, aber ist Nas nicht auch ein ganz schön unpassendes Beispiel? Will I Am mag zwar ein farbenblinder Spacken sein, hat aber in den letzten Jahren an soviel Zeugs mitgewirkt, dass er einfach als Teil dieses Games akzeptiert werden sollte, und nicht als Faktor, der Leute wie The Game oder eben Nas auch auf das Pop-Level von BEP mitzieht. Kanye West arbeitet auf konstant hohem Niveau. Und die Story mit Nas und Jigga hier in zwei Zeilen auf Gewinnmaximierungsabsichten zusammenzustreichen ist leider auch bestenfalls die halbe Wahrheit.

Dann ist Akon dran. Akon ist mir wurscht. Aber:

Ähnlich wie Akon ergeht es Busta Rhymes. Keine Hip-Hop-Hookline ohne eine seiner schnell gerappten Wortexplosionen oder zumindest ein leidenschaftliches „Whoo-ha!“. Busta Rhymes' frappanter Reimstil galt lange als Ausweg aus der Langeweile, von dem Rapper wie Mos Def, Missy Elliott und Mase, aber auch die Pussycat Dolls und Mariah Carey dankend Gebrauch machten.

Fuckin' whut? Busta = Akon? Okay, der Typ hatte Parts von Lumidee bis sonstwo, aber selbst bei den Pussykatzen war er tight. Der Mann macht keinen Scheiss und hat gerade mit 34 das beste Album seiner Karriere abgeliefert. Wann und wo hat er zum letzten Mal eine Hook (Eine Hook!) mit "schnell gerappten Wortexplosionen" oder einem "leidenschaftlichen Woo-ha!" verziert? Bus-a-Bus singt Hooks für Hits? Die Welt wäre sicher besser, wenn Bus überall dort wäre, wo Akon ist. Aber Obacht, nächste Breitseite:

Auch er steht unter Erfolgsdruck und wartet auf seinem „Solo“-Album „The Big Bang“ mit geballter Prominenz auf. Sogar ein Altstar wie Stevie Wonder darf dabei sein.

...den 80% der Rapkids da draussen doch eh nur von "I Just Called to Say I Love You" kennen. Und noch dazu auf einem überragenden Tune. Übrigens sind auf dem Album auch Leute wie Marsha von Floetry, Q-Tip, Rick James, oder Raekwon - sollte man "The Big Bang" wirklich in eine Reihe mit Diddy-Quatsch stellen?

Huch, hab ich eigentlich erwähnt...

P. Diddy feat. Jamie Foxx (“Partners For Life“), Jamie Foxx feat. Snoop Dogg (“With You“) und Snoop Dogg feat. P. Diddy auf Livetour durch Europa.

...dass der Typ sich nicht mehr P. Diddy nennt? Und dass er als Feature-Gast auf Snoops Tour war, ist auch arg an den Haaren herbeigezogen, um nicht zu sagen: Mumpitz.

Fazit: Ich weiss nicht so recht. Komischer Artikel. Ich sage sicher nicht, dass da draussen nur Sonnenschein ist (obwohl, jetzt gerade schon) und alle Welt nur geile Platten aus Liebe macht. Aber die nachvollziehbare Intention des Artikel verpufft leider ziemlich wirkungslos zwischen x-beliebigen Beispielen. Auch wenn für die angesprochene Leserschaft die Argumentation schlüssig sein mag. Schade drum.

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